Dokumentation

Vorstellung Wegweiser Quartier und Einsamkeit

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Am 25. Juni 2026 haben wir in Berlin in der Landesvertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund in einer – trotz 35 Grad – gut besuchten Veranstaltung den Wegweiser Quartier und Einsamkeit vorgestellt. Der Wegweiser veranschaulicht eindrucksvoll mit anschaulichen Praxisbespielen, Leitfragen, Checklisten und konkreten Handlungsempfehlungen, was Kommunen, Wohnungsunternehmen, soziale Träger, Vereine und Initiativen konkret mit einem integrierten Quartiersansatz gegen Einsamkeit tun können.

Einsamkeit: Die neue soziale Frage unserer Zeit und der alltägliche Umgang mit dem Gegenüber

Hendrik Wüst, MdL, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, hob in seinem Videogrußwort hervor, dass Einsamkeit als „neue soziale Frage unserer Zeit“ die gesamte Gesellschaft angeht. Die Landesregierung NRW begegne dem Thema aktiv mit einer eigenen Stabsstelle und dem Aktionsplan „Du+Wir=Eins. Nordrhein-Westfalen gegen Einsamkeit“, der 100 Maßnahmen aus allen Ministerien umfasst. Hendrik Wüst bezeichnete den Wegweiser als „starkes Zeichen für die Bekämpfung von Einsamkeit“. Er zeige, „was bei der Stadtentwicklung anders gedacht und anders gemacht werden muss, damit Quartiere lebendiger werden“.

Jessy James LaFleur von der Spoken Word Akademie zeigte mit künstlerischen Mitteln, wie im Alltag Kontakte und Bindungen verloren gehen und wie wichtig hingegen Empathie und echtes Interesse am Gegenüber sind. Ihre Botschaft: Verbundenheit bewusst einüben, sich Zeit nehmen und aktiv auf andere zugehen!

Warum ein Wegweiser Quartier und Einsamkeit?

Anja Reichert-Schick, Wüstenrot Stiftung, verdeutlichte die Zielsetzung des Kooperationsprojekts. Die Wüstenrot Stiftung beschäftigt sich mit den räumlichen, baulichen und gesellschaftlichen Bedingungen des Zusammenlebens und der gebauten Umwelt. Es liegt auf der Hand, sich mit Einsamkeit im Quartier zu beschäftigen, weil Einsamkeit auch dort entsteht, wo Alltag gestaltet wird. Der Beitrag des Wegweisers liegt darin, Einsamkeit als Aufgabe der Quartiersentwicklung sichtbar und bearbeitbar machen.

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Was wir gelernt haben. Praxis und Erkenntnisse

Nils Scheffler vom Büro Urban Expert gab einen Überblick über zentrale Erkenntnisse aus dem Projekt „Einsamkeit. Neue Anforderungen an lebendige Quartiere“. Er zeigte, welchen gestalterischen und konzeptionellen Beitrag die gebaute Umwelt in einem gemeinschaftlichen Ansatz gegen Einsamkeit leisten kann und was sie dafür besonders geeignet macht: die Erleichterung alltäglicher, niedrigschwelliger Begegnung und Gelegenheiten zum Mitmachen, die soziale Eingebundenheit und Zugehörigkeit stärken und Einsamkeitsgefühlen entgegenwirken. Als entscheidend erweist sich das Zusammenspiel mit den Akteuren vor Ort, die diese Räume mit niedrigschwelligen Aktivitäten beleben sowie Möglichkeiten des Zuhörens und Mitmachens schaffen.

Präsentation

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Praxiserfahrungen

Drei Impulse rundeten die Praxiserfahrung im Umgang mit Einsamkeit auf kommunaler Ebene ab.

Claudia Koch, Leitung der Stabsstelle Quartiersentwicklung und soziales Management, KSG Hannover GmbH und Geschäftsführung von win e.V. Wohnen in Nachbarschaften, stellte den Ansatz des kommunalen Wohnungsunternehmens vor, Quartiere als Sozialraum zu begreifen und das Einsamkeitsrisiko durch höhere Lebensqualität und präventive Maßnahmen zu senken. Bei der Stärkung des Zusammenhalts spielen Engagement und Einsatz der Mieterschaft mit Unterstützung des Vereins win e.V. sowie eine „soziale Gelegenheitsinfrastruktur“ mit Treffpunkten und Aktivitäten eine wichtige Rolle. In einem Neubaugebiet wird dies durch eine frühzeitige und präventive Quartiersarbeit unterstützt.

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Dunia Sinno, Projektleitung Stadtentwicklung, Stadt Trier, berichtete über die Gründung einer regelmäßig tagenden, verwaltungsinternen Arbeitsgruppe „Einsamkeit/ Dritte Orte“ als Ausgangspunkt für die Vernetzung innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung. Ein Fachtag schaffte zusätzlich ressortübergreifende Aufmerksamkeit für das Themenfeld. Das im Projekt „Einsamkeit. Neue Anforderungen an lebendige Quartiere“ entwickelte Indikatorenset wurde auf die Trierer Ortsbezirke angewendet und zu einem Index verdichtet. Die Analyse wurde durch eine qualitative Einschätzung der beteiligten Fachressorts ergänzt, um die Ergebnisse mit der tatsächlichen Lage vor Ort sowie den jeweiligen Orts- und Strukturverhältnissen abzugleichen und Fehleinschätzungen zu vermeiden.

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Lukas Kwiatkowski, Stabstelle Soziale Planung, Quartiersentwicklung und Integration der Stadt Bocholt, gab einen Einblick in den Aufbau der kommunalen Initiative „Gemeinsam in Bocholt“. Zunächst wurden in Telefoninterviews lokale Sozialträger und Initiativen zu ihren Handlungsbedarfen befragt und aktiviert. Auf dieser Basis wurde ein breites Bündnis geschaffen, das sich an die Öffentlichkeit richtet und eine Arbeitsstruktur bietet, an der sich Sozialträger, Initiativen, Vereine und Einzelinteressenten beteiligen können. Im Mittelpunkt steht das Empowerment, mit klarem Fokus auf die Stärken der Mitwirkenden. Ressourcenorientierung, gezielte Öffentlichkeitsarbeit sowie eine kommunale Web-Plattform, die Aktivitäten und Akteure sichtbar macht und vernetzt, sind zentrale Bestandteile.

Präsentation

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Was jetzt passieren muss. Handlungsempfehlungen und Einordnung

Petra Potz, location³, brachte die politisch-strategischen Schlussfolgerungen im Wegweiser auf den Punkt: Einsamkeitsprävention geht alle an und ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Möchte man Orte und Räume gestalten, um soziale Interaktion zu ermöglichen, braucht es auch die Gelegenheitsstrukturen für die Teilhabe vor Ort, die das Knüpfen von Kontakten erleichtern. Das Räumliche und das Soziale zusammen zu denken, ist entscheidend. Für die übergeordneten Ebenen heißt es, tragfähige Strukturen zu schaffen, die lokale Akteure handlungsfähig machen – mit der institutionellen Verankerung sozialer Teilhabe und der Unterstützung kooperativer Wohn- und Nutzungsformen sowie lokaler Anlauf- und Koordinationsstellen. Diese Anforderungen lassen sich in Quartieren modellhaft umsetzen und überprüfen: „Einsamkeitsresiliente Pilotquartiere“.

Präsentation

 

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Politisch-strategische Zugänge

In der abschließenden Podiumsrunde wurde deutlich, dass das Thema Einsamkeit im Quartier inzwischen besprechbar geworden ist und politisch-strategische Unterstützung braucht. Erörtert wurden die Rolle der Bundesebene, notwendige engagementpolitische Rahmenbedingungen sowie Ausprägungen und Ansätze in verschiedenen Bundesländern.

Beate Brinkmann, stellvertretende Leiterin der Projektgruppe Einsamkeit in der Abteilung Generationengerechtigkeit, Jugend, Ältere Menschen im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, wies auf die Allianz gegen Einsamkeit hin, die zu Beginn der Aktionswoche offiziell gestartet wurde. Ziel ist es, Einsamkeit in unterschiedlichen Lebensbereichen zu adressieren und Teilhabe zu ermöglichen. Die Mitglieder der Allianz sollen gemeinsam dazu beitragen, die Angebots- und Präventionslandschaft zu verbessern. Konkrete Aktivitäten und Bedarfe sollen öffentlichkeitswirksam in den Fokus gerückt werden.

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Rainer Hub, Vorsitzender des Sprecher:innenrats im Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement BBE und Referent für Freiwilliges soziales Engagement und Freiwilligendienste in der Diakonie Deutschland, Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V., berichtete von der neuen Zuständigkeit für Engagementpolitik im Bundeskanzleramt. Verbunden damit ist eine Querschnittsorientierung bei den Anforderungen an bürgerschaftliches Engagement, auch an Strukturen und Räume. Das BBE setzt sich als Zusammenschluss aus 300 Organisationen aus Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft für Lösungen und Ideen ein. 2025 hat die Kampagne „Aktiv gegen Einsamkeit“ auf die wichtige Rolle des Engagements in der Einsamkeitsbekämpfung hingewiesen.

Sina Breitenbruch-Tiedtke, Referatsleiterin Stabstelle Einsamkeit, Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen, kann auf dem Aktionsplan und einer landesweiten Karte mit Aktivitäten mit über 900 Einträgen aufbauen. Der Engagementpreis NRW 2026 „Begegnen. Bewegen. Verbinden. – Gemeinsam aus der Einsamkeit“ brachte Impulse. Ein neues Aktionsbündnis „Du+Wir=Eins. Nordrhein-Westfalen gegen Einsamkeit“ versteht sich als starke Gemeinschaft, die beispielsweise engagierte Initiativen, Vereine, Kommunen, Verbände, Stiftungen, Hochschulen sowie Bürgerinnen und Bürger vernetzt, die gemeinsam etwas gegen Einsamkeit tun wollen.

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Silke Faber, Referatsleitung Grundsatzfragen der Integrierten Stadtteilentwicklung in der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen der Freien und Hansestadt Hamburg, erläuterte, wie in den vorhandenen Strukturen (RISE: Rahmenprogramm Integrierte Stadtteilentwicklung, ein Dach für die Programmgebiete der Bund-Länder-Städtebauförderung) Querschnittsthemen abgeprüft werden. Dazu zählte auch ein Fachworkshop im Sommer 2025 zu integrierten Ansätzen für die Prävention und Linderung von Einsamkeit, mit großer Resonanz bei Bezirken, die das Thema gerne in Pilotquartieren aufgreifen wollen.

Dr. Andreas Weber, Referatsleiter Sozialpolitische Grundsatzfragen, Koordination, Quartiersentwicklung im Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg, wies auf die Enquete-Kommission des Landtags BW zur „Krisenfesten Gesellschaft“ (2024) hin, mit dem Ergebnis: „In einer gut verbundenen Gesellschaft und Nachbarschaft sind wir krisenresilienter als in der Vereinzelung.“ Eine anschließende Studie ergab zwei wichtige Erkenntnisse: 1. Von Einsamkeit stark betroffen sind Menschen im mittleren Lebensalter; 2. Der soziale Nahraum, die Nachbarschaft mit den dortigen Angeboten und ihrer Ausprägung entscheidet sehr stark darüber, ob Menschen von Einsamkeit betroffen sind oder nicht. Aus einem Ideenwettbewerb gegen Einsamkeit wurde deutlich: Es braucht immer Beteiligung der Nachbarschaften vor Ort und Fragen sind themenübergreifend zu bearbeiten. Ein landesweites Bündnis zur Entwicklung einer Strategie zur Einsamkeit in Baden-Württemberg wurde bereits angekündigt.

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Resümee

Mit den vielfältigen Impulsen aus verschiedenen Handlungszusammenhängen und Diskussionsbeiträgen wurde die Relevanz des Themas Einsamkeit im Quartier deutlich. Dazu gehören die Verknüpfung gesamtstädtischer sozial- und stadtentwicklungspolitischer Konzepte, die Abstimmung strategischer (Sozial-)Planung und integrierter gebietsbezogener Entwicklungskonzepte sowie lokaler Aktionspläne. Der integrierte Ansatz der Stadtentwicklung – also die abgestimmte Bearbeitung räumlicher, sozialer und zeitlicher Zusammenhänge – sollte als Leitlinie für eine moderne Einsamkeitspräventionspolitik dienen.

Gemeinsame Erkenntnis ist, Handlungsebenen und Handlungsfelder systematisch zu verknüpfen. Die Verantwortungsgemeinschaften, die dafür nötig sind, entstehen mancherorts und erweisen sich als tragfähige Basis für das weitere Handeln. Der Wegweiser Quartier und Einsamkeit will dazu anregen und praxisnahe Hinweise geben. Der Bedarf an weiterer Umsetzung und Ausgestaltung der Daseinsvorsorge und Prävention in einem integrierten Ansatz wird deutlich.

Programm